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Gerade der Jahreswechsel wird häufig zum Auslöser bzw. zu einem verstärkenden Ereignis für Geräuschängste bei Hunden. Hunde, die sich in der Pubertät befinden, krank sind oder aktuell viel Stress erleben, sind hierfür besonders empfänglich. Grundsätzlich kann aber jeder Hund in jedem Alter eine Geräuschangst entwickeln. Daher sind für alle Hunde vorbeugende Maßnahmen sinnvoll:

Im Vorfeld:

  • Den Hund frühzeitig an einen geeigneten Ruheplatz gewöhnen, zu dem wenig Geräusche von außen durchdringen:
    • Je weniger Fenster und je weniger Hall ein Raum hat, desto besser. Tipp: Hall wird sehr gut durch starke Bemöbelung, Teppich und Vorhänge reduziert.
    • Einige Hunde fühlen sich in einem engen Ambiente bei Stress sicherer. Hundekörbe mit einer hohen Kante unter einem Tisch oder eine Hundebox werden von diesen dann gerne angenommen.
  • Allgemeine Stressauslöser in den Tagen vor und am Sylvesterabend für den Hund vermeiden, z. B. Hundebegegnungen, wenn der eigene Hund fremde Hunde nicht mag.
  • Ruhige Aktivtäten (Suchspiele, Shaping-Aufgaben, Spaziergang etc.) anstelle von „action“-reichen Aktivitäten (Ballspiele, Zerrspiele, Radfahren etc.) mit dem Hund unternehmen.
  • Aktive Entspannungsübungen vermehrt in die Tagesroutine einbinden, z. B. Massagen, sanftes Bürsten (wenn der Hund dies mag), Kuscheln, etc.

Vor Beginn der Feuerwerksgeräusche:

  • Rolladen herunter lassen (Geräusche und ggf. optische Reize wie Leuchtraketen ausschalten)
  • Musik im „Ruheraum“ des Hundes abspielen (nur wenig lauter als normale Hörlautstärke, langsamer bis mittelschneller Rhythmus, z. B. Klassik).
  • Beginn mit Aktivitäten, die die Aufmerksamkeit des Hundes teilen: Spielen, Futterkugel oder Kauartikel zur Beschäftigung geben.
  • Duftöle können helfen: Zitrone wirkt angstlösend, Lavendel entspannend. Hierzu reine Öle aus der Apotheke im Mischungsverhältnis 1:10 verwenden und ein paar Tropfen auf ein Halstuch des Hundes oder ein Tuch an seinem Liegeplatz geben.

Für Hunde, die bekanntlich Stress oder Angst an Sylvester haben, haben sich neben einem gezielten Training zur Gegenkonditionierung als hilfreich erwiesen:

  • Aufbau von Entspannung auslösenden Reizen (optisch, akustisch, haptisch) im Vorfeld
  • Einsatz von ätherischen Ölen (Zitrone, Lavendel) oder (nach Vorab-Test) Pheromonen (Adaptil)
  • Verwendung eines Thundershirts oder von Bandagen nach dem Prinzip der Tellington Körperbandagen
  • Gabe von Nahrungsergänzungsmitteln, die sich positiv auf die Neurotransmitter im Gehirn auswirken, z. B. Zylkene, Relaxan, Johanniskraut, L-Theanin, 5-HTP, … Mit ihrer Gabe ist frühzeitig (oft 1-2 Wochen vor Sylvester) zu beginnen. Viele von ihnen werden gut vertragen.
  • Bei starker Angst ist der Einsatz von angstlösenden Antidepressiva oder Sedativa nach Absprache mit einem sachkundigen Tierarzt zu erwägen. Hierbei ist zu berücksichtigen:
    • NICHT GEEIGNET ist der Wirkstoff Acepromazin (Vetranquil, Sedalin, Calmivet und Prequillan). Bei diesem werden das Geräuschempfinden und das hiervon ausgelöste Angstgefühl nicht geeignet reduziert. Der Hund empfindet nach wie vor Angst, kann diese aber aufgrund der immobilisierenden Wirkung des Mittels nicht in einer von außen beobachtbaren Körperreaktion zeigen. So wird tlw. sogar von einer erhöhten Geräuschempfindlichkeit berichtet (u. a. Plumb 2002).
    • GEEIGNET ist die Wirkstoffgruppe der Benzodiazepine (Diazepam, Alprazolam). Hierbei ist zu beachten: Die angstlösende und enthemmende Wirkung dauert max. 5 Stunden, sodass i. d. R. eine wiederholte Gabe notwendig wird. Mit der Gabe muss vor dem Eintreten starker Angst begonnen werden, da es sonst zu einer paradoxen Reaktion (Erregungssteigerung anstelle von –senkung) kommen kann. Aufgrund der enthemmenden Wirkung steigt individuell auch die Möglichkeit vom Auftreten von Aggressionsverhalten. Benzodiazepine machen bei wiederholter Gabe körperlich abhängig (je nach Präparat binnen 48 Stunden) und sind daher nicht abrupt abzusetzen sondern auszuschleichen. Ihre Gabe ist daher bewusst zu planen.

Was ist richtig - Zuwendung oder Ignorieren von Angstverhalten bei Hunden?

Ein paar Worte vorab zur Angst: Angst ist eine biologisch wichtige Emotion. Sie sorgt dafür, dass ein Lebewesen potentiell gefährliche Situationen bewältigen kann und somit in einer zum Teil lebensfeindlichen Umwelt überleben kann. Ob eine Situation als derart gefährlich bewertet wird, dass Angst empfunden wird, ist rein subjektiv. Auch wenn wir Menschen wissen, dass ein Feuerwerk nicht lebensbedrohlich ist, so ist die Angst des Hundes für diesen so real wie sie nur sein kann.

In der Natur stehen einem Lebewesen vier Verhaltensalternativen zur Verfügung, wenn es in eine als subjektiv gefährlich empfundene Situation gerät: Es kann kämpfen (fight), aus der Situation fliehen (flight), einfrieren (freeze), um zu warten bis die Gefahr vorüber ist, oder seine Angst überspielen (flirt/ fiddle about). Dem Hund helfen keine dieser Verhaltensweisen während der oft über 2, 3 Tage immer wieder auftretenden Feuerwerksgeräusche. Er kann vor den Geräuschen nicht weglaufen, er kann sie nicht bekämpfen und die Geräusche hören auch trotz Ausharrens oder anderer Verhaltensweisen nicht innerhalb eines überschaubaren Zeitraumes wieder auf. Dies bedeutet für den Hund erheblichen Stress.

Viele Lebewesen, die in Gruppen leben(z. B. Menschen, Hunde, Elefanten, …), zeigen in stressenden Situationen ein Verhalten, das in der Verhaltensbiologie als Social Support (Soziale Unterstützung) bezeichnet wird. Durch körperliche Nähe und Zuwendung verringern sich nachweislich bei demjenigen, der Stress empfindet, der Blutdruck und die Ausschüttung von Stresshormonen. Dadurch fühlt sich dieser besser und kann die Situation besser bewältigen. Sucht der Hund also die Nähe oder die Aufmerksamkeit seines Menschen, so sollte er diese auch unbedingt bekommen.

Wer Sorge hat, dass er hierdurch das Angstverhalten seines Hundes verstärken könnte, führe sich folgendes Beispiel vor Augen:

Sie stehen in einer dunklen, einsamen Straße und warten auf ein Taxi. In einiger Entfernung bewegen sich ein paar undefinierbare Schatten in einem dunklen Hauseingang. Sie empfinden Angst. Stellen Sie sich nun unterschiedliche Reaktionen einer Person vor, die bei Ihnen ist:
a) Die Person ignoriert Sie, geht womöglich sogar weg und lässt Sie alleine stehen.
b) Die Person reagiert genervt und schimpft mit Ihnen, Sie sollen sich nicht so anstellen.
c) Die Person legt den Arm um Sie und spricht beruhigend auf Sie ein.
In welcher Situation verspüren Sie mehr Angst als vorher? Was empfinden Sie gegenüber der Begleitperson, wenn diese Sie ignoriert oder mit Ihnen schimpft?

Grundsätzlich ist festzustellen, dass Angst nicht durch etwas verstärkt werden kann, was derjenige, der Angst hat, als angenehm empfindet. Wohl aber kann Angst verstärkt werden, wenn noch weitere Stressfaktoren hinzukommen.

Möchte Ihr verängstigter Hund also gerne gestreichelt werden, dann tun Sie dies. Möchte er unter Ihrem Stuhl liegen, dann lassen Sie ihn. Zieht er sich zurück und möchte sich im Schrank verstecken, so gewähren Sie ihm das Versteck. Ignorieren Sie ihn nicht. Bieten Sie ihm die Möglichkeit Ihre Gesellschaft zu suchen, wenn er diese benötigt. Schauen Sie regelmäßig nach ihm. Was Ihr Hund als tröstend und angenehm empfindet, um sich besser zu fühlen, können Sie am besten an seinem Wunschverhalten ablesen.

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